Beratung und Weiterbildung im Zeitalter von Corona

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.                                                                                                  Zur Startseite ISSVS

Die Gesichter auf dem Bildschirm vor meiner Nase bewegen sich ruckartig oder frieren über Sekunden ganz ein. Skurrile, verzerrte Standbilder brennen sich in meine Augen. Von dem, was mir eine Kursteilnehmerin gerade mitteilen möchte, verstehe ich – wenn es hoch kommt – jedes zweite Wort. Die Stimme in meinem Kopfhörer tönt hohl, scheppert. Ich versuche mir zusammen zu reimen, was sie wohl gemeint haben könnte. Den Kurzfilm, den ich online zeigen wollte, habe ich nach wenigen Minuten gelöscht, denn er stockte alle zehn Sekunden und ähnelte dadurch eher einer amateurhaft zusammengestellten Diashow. Also entscheide ich mich stattdessen für eine kurze Powerpoint-Präsentation und will meinen Bildschirm freigeben. Ich bin guten Mutes, denn schliesslich war ich bereits eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Weiterbildung vor Ort, um sicher zu gehen, dass die Technik funktioniert. «Alles kein Problem», hallen die Worte des zuversichtlichen Informatikverantwortlichen in meinen Ohren nach, während ich verzweifelt mehrmals auf den entsprechenden Button klicke. Nichts bewegt sich. Er müsse mich erst noch als Host freischalten, lässt mein Support verlauten. Schliesslich klappt es. Wenigstens die Powerpoint funktioniert, nachdem ich mehrere Kursteilnehmende darauf hingewiesen habe, auf stumm zu schalten, weil im Hintergrund Geschirr schepperte, Kinder schrien und Hunde bellten. Danach bin ich bereit für allfällige Fragen. Ich schalte mich wieder ins Geschehen ein. In etwa einem Drittel der kleinen Fenster auf dem Bildschirm ist niemand mehr zu sehen. Ich schaue mir leere Schulzimmer, Büros und Balkone an, während die fehlenden Teilnehmenden langsam zu realisieren scheinen, dass die Präsentation beendet ist und mit Kaffee oder Tee in der Hand wieder vor ihrem Computer erscheinen. Einige lächeln etwas beschämt, aber vielleicht bilde ich mir das ja nur ein. Vor dem letzten noch verwaisten Bildschirm räkelt sich eine wohlgenährte braune Katze und gähnt hemmungslos in die Kamera. Ich bitte um Fragen. In einigen Fenstern ploppen kleine gelbe Hände auf, während mehrere andere Teilnehmende gleichzeitig ihre Fragen ins Mikrophon schreien – ist so eine Sache, mit der Lautstärke. Schliesslich sind alle Fragen beantwortet, ein Auftrag an die Kleingruppen folgt. Zeit für einen Kaffee, freue ich mich.

In den letzten Monaten bin ich mehr und mehr dazu übergegangen, meine Weiterbildungen «hybrid» zu organisieren. Das bedeutet, dass die Kursteilnehmenden zwar alle anwesend sind, sich für die Plenarsequenzen jedoch online treffen. Arbeiten in Kleingruppen finden dann tatsächlich vor Ort statt, um der Veranstaltung wenigstens ein Kleinwenig an Normalität einzuhauchen. Das wird überaus geschätzt. Also verlasse ich im Anschluss an den Vortrag meinen Arbeitsplatz, streife die Maske über und beginne meine Wanderung durch die Gebäude. 45 Minuten Zeit, um bei allen Kleingruppen vorbeizuschauen und mir selber einen Kaffee zu ergattern. Selbst ich habe in den letzten Monaten dazugelernt. In meiner Hand halte ich eine Liste, auf der die entsprechenden Zimmernummern, in denen die Gruppen arbeiten, festgehalten sind. Das erste Zimmer ist leer. Im zweiten treffe ich auf eine Lehrperson, in der Hand eine dampfende Kaffeetasse. Die anderen kämen gleich, meint sie. «Kein Problem», höre ich mich antworten, dann komme ich halt später nochmals vorbei. Im dritten Zimmer haben die Anwesenden mit der Arbeit am Auftrag begonnen. Viel zu früh, um Fragen zu stellen; auch hier werde ich später nochmals vorbeischauen. Bei acht Kleingruppen, verteilt auf 8 Zimmer in drei grossen, mir völlig unbekannten Schulgebäuden kein einfaches Unterfangen, zumal ja nur begrenzt Zeit zur Verfügung steht. Aber ich bin zuversichtlich – zumindest bis ich vor der verschlossenen Tür beim zweiten Schulgebäude stehe. Also zurück ins letzte Zimmer, das ich bereits besucht habe. Da heute keine Kinder im Schulhaus sind, wurde der Schliessmechanismus aktiviert. Ich erhalte freundlicherweise einen Schlüssel und hetze von Zimmer zu Zimmer. Natürlich schaffe ich es nicht, alle Gruppen zu besuchen, und genau diejenige, die Probleme mit dem Auftrag hat, geht vergessen. Aber das werde ich erst bei den Rückmeldungen zur Veranstaltung zu hören bekommen. Sie hätten versucht, mich online zu erreichen, aber ich sei nicht dort gewesen, werden sie mir erklären. Also, ein nächstes Mal daran denken, dass von mir erwartet wird, die einzelnen Personen vor Ort zu beraten und gleichzeitig für alle anderen erreichbar zu sein. Meine Handynummer steht zwar so ziemlich auf allen Skriptunterlagen, aber ich habe vergessen, explizit zu erwähnen, dass man mich via Whats App jederzeit erreichen kann. Keine zehn Minuten später vibriert mein Handy. Eine Nachricht, super, es scheint ja doch zu klappen. «Lieber Ralph, wir haben ein paar Fragen, komm bitte kurz bei uns vorbei. LG, Reto.» Kein Problem. Ein Blick auf die Liste mit den Zimmernummern: Gruppe 1, Zimmer 3.5; Gruppe 2, Zimmer 1.6 etc. Die Namen der einzelnen Gruppenmitglieder sind nicht aufgeführt. Wieder dazugelernt.

Ich suche und finde schliesslich, aber die Zeit wird knapp. Um 14.30 Uhr geht es im Plenum weiter. Auf dem Rückweg komme ich am Lehrerzimmer vorbei, in dem die Kaffeemaschine auf mich wartet. Leider vergebens, denn dazu bräuchte ich einen Jeton. Also kein Kaffee für den Kursleiter. Ich schaffe es glücklicherweise rechtzeitig und ziemlich ausser Atem wieder zurück an meinen Bildschirm. Das Einloggen funktioniert schleppend. Um 14.35 bin ich endlich wieder online, und mit mir etwa die Hälfte der Teilnehmenden. Um 14.40 Uhr sind fast alle wieder bereit, und ich kann die nächste Sequenz mit etwa zehn Minuten Verspätung starten. Nein, das ist nicht meine erste Online-Veranstaltung. Und nein, wir schreiben auch nicht März 2020, den Beginn der Pandemie, sondern den Februar 2021. Eine Teilnehmende weist mich freundlicherweise darauf hin, dass ich meine Maske jetzt wieder abnehmen könne. Macht der Gewohnheit. So weit ist es schon gekommen.

 

Zugegeben: Das, was sich die Leser*innen soeben zu Gemüte geführt und worüber sie vielleicht das eine oder andere Mal geschmunzelt haben, das alles hat sich nicht in einer einzigen Weiterbildung zugetragen. Vielmehr handelt es sich um ein Potpourri an Dingen, die der Kursleiter bis dato an verschiedenen Orten erlebt – und viel daraus gelernt hat.
Ralph Leonhardt, Mitglied ISSVS; April 2021 

 

Im interkantonalen Schulpraxisberatungs- und Supervisions-Verband der Schweiz, www.issvs.ch, haben sich erfahrene Fachleute zusammengeschlossen. Die Mitglieder des ISSVS haben offene Ohren für Kursleiter*innen, Supervisor*innen, Coaches, Schulleitende und Lehrpersonen und lassen diese gerne von den eigenen Erfahrungen profitieren.